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Im Hintergrund: An welchem Film erinnert mich das nur? Wissen Sie es? Sagen Sie es uns!

Der Weg gehört den Träumern

Kapitel 1 – Der Weg, der nicht auf der Karte steht

Es war einer dieser Sommertage, an denen das Dorf stiller wirkte als sonst. Die Sonne stand über den Feldern, irgendwo summten Bienen, und vom Schwarzen Schöps her kam die kühle Luft des Wassers herüber. Im Schatten der alten Bäume war es angenehm kühl.

Mats und Lina waren zehn Jahre alt und kannten Sohland eigentlich ziemlich gut. Zumindest glaubten sie das. Sie wussten, wo man am Bach am besten über die Steine springen konnte, kannten die Wege durchs Dorf und wussten, an welcher Stelle im Wald man besonders viele Zapfen fand.

An diesem Nachmittag hatten sie allerdings ein Problem: Ihnen war langweilig.

„Wir könnten zum Bach gehen“, sagte Mats und stocherte mit einem Stock im Gras. „Da waren wir gestern“, antwortete Lina. „Dann zum Wald.“ – „Da waren wir vorgestern.“ Mats dachte kurz nach. „Dann können wir eigentlich wieder nach Hause.“ Lina sah ihn an. „Du bist manchmal wirklich erschreckend einfallslos.“

Sie gingen trotzdem los. Ohne richtiges Ziel. Vorbei an alten Häusern, über einen schmalen Weg und schließlich dorthin, wo die letzten Gärten aufhörten und der Wald begann.

Hier war es sofort anders. Das Licht fiel nur noch in einzelnen hellen Flecken durch die Blätter. Farn wuchs am Wegrand, und irgendwo klopfte ein Specht gegen einen Baum.

Mats blieb plötzlich stehen. „War der Weg schon immer da?“

Lina folgte seinem Blick. Zwischen zwei großen Bäumen führte ein schmaler Pfad in den Wald. Eigentlich war es kaum mehr als eine Spur. Gras wuchs in der Mitte, Äste lagen darüber, und die Büsche standen so dicht am Rand, als hätte lange niemand diesen Weg benutzt.

Lina trat näher. An einem Baum hing ein kleines, verwittertes Holzschild. Darauf war kein Wort zu erkennen. Nur ein Zeichen: ein Kreis, in dem drei geschwungene Linien zu sehen waren.

„Kennst du das?“, fragte Lina.

Mats schüttelte den Kopf. Er zog sein Handy aus der Tasche und öffnete die Karte. „Hier ist gar kein Weg.“

Lina grinste. „Dann ist es wahrscheinlich ein guter.“

„Oder er endet nach zwanzig Metern im Gebüsch.“

„Das können wir ja herausfinden.“

In diesem Moment raschelte es über ihnen. Ein Eichhörnchen sprang auf einen Ast. Es blieb sitzen und sah die beiden ungewöhnlich lange an. Dann sprang es auf den nächsten Baum. Und noch einen. Immer genau entlang des unbekannten Pfades.

Lina hob eine Augenbraue. „Hast du das gesehen?“

„Es ist ein Eichhörnchen.“

„Ich weiß, wie ein Eichhörnchen aussieht.“

Das Tier verschwand zwischen den Blättern. Für einen Moment war alles still. Dann hörten sie etwas.

Klopf.

Mats sah Lina an.

Klopf. Klopf.

Das Geräusch kam aus dem Wald. Nicht von einem Specht. Dafür war es zu langsam.

Lina machte einen Schritt auf den Pfad zu, doch Mats hielt sie am Rucksack fest. „Moment.“

Neben dem alten Holzschild lag etwas zwischen den Wurzeln. Mats bückte sich und zog es heraus. Eine kleine Metalldose. Rostig, verdreckt und auf dem Deckel war dasselbe Zeichen eingeritzt wie am Baum: der Kreis mit den drei geschwungenen Linien.

Lina kniete sich neben ihn. „Mach sie auf.“

Mats zögerte. „Vielleicht gehört sie jemandem.“

Lina sah sich um. „Ja. Bestimmt jemandem, der sie seit hundert Jahren hier liegen lässt.“

Mats öffnete vorsichtig den Deckel. Darin lag nur ein einziges Stück Papier. Vergilbt und mehrfach gefaltet.

Lina nahm es heraus. Auf der Vorderseite stand mit verblasster Schrift:

Für diejenigen, die den Weg noch sehen können.

Darunter war eine kleine Zeichnung. Zwei Kinder. Ein Wald. Und ein Weg, der zu einem Berg führte.

Mats schaute noch einmal auf sein Handy. Dann auf den schmalen Pfad. Dann auf Lina.

Aus dem Wald kam erneut das Geräusch.

Klopf.

Diesmal etwas näher.

Lina faltete den Zettel zusammen. „Also?“

Mats steckte das Handy ein.

Vor ihnen führte der unbekannte Weg zwischen den Bäumen hindurch. Hinter ihnen lag Sohland. Und irgendwo vor ihnen wartete etwas, das auf keiner Karte eingezeichnet war.

Deine Entscheidung

A: Mats und Lina folgen dem geheimnisvollen Waldweg.

B: Sie gehen zuerst zum Schwarzen Schöps, weil auf der Rückseite des Zettels ein kleines Wassersymbol zu sehen ist.

Kapitel 2 – Am Schwarzen Schöps

Mats und Lina waren an diesem Nachmittag ein gutes Stück durch Sohland gelaufen, bis sie an einen stillen, grünen Ort kamen, den Lina schon länger zeigen wollte. Zwischen hohen Bäumen, frischem Gras und kleinen Steinen floss ein schmaler Bach durch die Wiese. Das Wasser glitzerte im Sonnenlicht und plätscherte leise vor sich hin.

„Das hier ist der Schwarze Schöps“, sagte Lina und blieb am Ufer stehen. Mats schaute überrascht auf das schmale Wasserband. „So klein?“

Lina grinste. „Ja. Noch klein. Aber genau das ist doch das Spannende.“ Mats ging in die Hocke und hielt die Hand dicht über das Wasser. Es war klar und kühl, und zwischen den Steinen konnte man kleine Wirbel erkennen. Über ihnen raschelten die Blätter in den Bäumen, und irgendwo sang ein Vogel. „Wenn man den Namen hört“, sagte Mats, „denkt man eher an einen richtigen Fluss.“

„Eben“, sagte Lina. „Und hier sieht man, dass auch etwas Größeres ganz klein anfangen kann.“

Mats strich mit den Fingern vorsichtig durch das Wasser. Kleine Kreise breiteten sich auf der Oberfläche aus. Für einen Moment sagte keiner von beiden etwas. Es war einer dieser Orte, an denen man automatisch leiser wurde.

Dann zeigte Lina auf das kleine Schild am Rand. „Das Beste kommt noch“, sagte sie.

Mats las laut vor: „Die Quelle liegt in unserem Ort.“ Er blickte auf. „Die Quelle? Wirklich hier in Sohland?“

Lina nickte. „Genau. Der Schwarze Schöps beginnt also nicht irgendwo weit weg. Er fängt hier bei uns an.“

Mats sah wieder auf den Bach. Auf einmal wirkte das schmale Wasser zwischen Gras und Steinen ganz anders. Nicht mehr wie irgendein kleiner Bach am Wegesrand, sondern wie der Anfang von etwas, das weiterzieht, größer wird und seinen Weg durch die Landschaft findet.

„Das ist eigentlich ziemlich besonders“, sagte er. „Finde ich auch“, antwortete Lina. „Man läuft vielleicht einfach daran vorbei und merkt gar nicht, dass hier etwas beginnt.“

Mats lächelte. „So ähnlich wie bei unseren Entdeckergeschichten.“ Lina sah ihn an. „Wie meinst du das?“

„Na ja“, sagte Mats und deutete auf das Wasser. „Erst sieht alles ganz klein aus. Ein Bach. Ein Ort. Eine Idee. Und dann merkt man plötzlich, dass viel mehr dahintersteckt.“

Lina grinste. „Das klingt schon wieder ziemlich schlau.“ „War gar nicht geplant.“ Die beiden lachten.

Dann kniete sich Lina neben ihn ins Gras und ließ die Hand über das Wasser gleiten. „Vielleicht sollten wir als Nächstes die Quelle suchen.“

Mats nickte sofort. „Unbedingt. Wenn der Schwarze Schöps hier im Ort beginnt, dann gehört die Quelle auf jeden Fall zu unserer nächsten Geschichte.“

Lina blickte den Bach entlang, wie er sich still und schmal durch das Grün zog. „Manchmal“, sagte sie leise, „beginnen große Abenteuer ganz klein.“

Mats sah auf das Wasser, das ruhig über die Steine floss.

Und für einen Moment hatte er das Gefühl, dass der Schwarze Schöps ihnen schon den Weg zeigte — hinein in das nächste Kapitel.

Kapitel 3 – Der Blick nach Osten

Es war noch früh, als Mats und Lina den Hang hinaufstiegen. Über den Wiesen lag stellenweise leichter Morgennebel, und das Gras war feucht vom Tau. Vor ihnen lag Sohland ruhig zwischen Bäumen und Feldern, während im Osten langsam die Sonne aufging.

„Da vorne!“, rief Lina plötzlich und zeigte weit über das Land. Mats blieb stehen und kniff die Augen zusammen. Ganz hinten am Horizont hob sich ein einzelner Berg deutlich aus der Landschaft. Im warmen Licht der aufgehenden Sonne war seine Form besonders gut zu erkennen.

„Die Landeskrone“, sagte er nach einem Moment. Lina sah ihn überrascht an. „Bei Görlitz? Von hier aus?“ Mats nickte. „Wenn die Sicht gut ist.“

Für einen Augenblick sagte keiner von beiden etwas. Vor ihnen lag das Land wie eine riesige Karte. Felder wechselten sich mit kleinen Waldstücken ab, dazwischen Häuser, Straßen und Dörfer. Über manchen Senken hing noch ein dünner Schleier aus Nebel, während die ersten Sonnenstrahlen bereits über die Landschaft wanderten.

Lina setzte sich ins Gras. „Eigentlich komisch“, sagte sie. „Man denkt immer, unser Dorf liegt irgendwo für sich. Und dann steht man hier oben und sieht, wie alles zusammengehört.“

Mats ließ seinen Rucksack neben sich fallen und setzte sich dazu. „Vielleicht muss man manchmal nur ein bisschen höher steigen.“ Lina grinste. „Das klingt jetzt aber ziemlich schlau.“

„War keine Absicht.“ Die beiden lachten, und für eine Weile sahen sie einfach nur hinaus. Die Sonne stieg langsam höher, das Licht wurde kräftiger, und immer mehr Einzelheiten waren in der Ferne zu erkennen. Doch die Landeskrone blieb der auffälligste Punkt am Horizont, weit draußen im Osten.

Nach einer Weile zog Lina die Knie an. „Weißt du, was ich gern machen würde?“ Mats sah sie von der Seite an. Bei dieser Frage wusste er inzwischen, dass meistens etwas folgte, das mit langen Wegen, alten Gebäuden oder dreckigen Schuhen zu tun hatte.

„Wir könnten herausfinden, was man von Sohland aus eigentlich alles sehen kann.“ Mats dachte kurz nach und lächelte. „Das könnte eine ziemlich lange Liste werden.“

Noch eine Weile blieben sie dort sitzen und sahen zu, wie der Morgen über der Landschaft begann. Vor ihnen lag die Ferne, hinter ihnen Sohland – und irgendwo dazwischen wartete bestimmt schon das nächste Abenteuer.

Kapitel 7 – Das Mühlenbuch der alten Bachmann-Windmühle

Schon von Weitem konnten Mats und Lina die alte Bachmann-Windmühle sehen. Dunkel hob sie sich über dem leuchtend gelben Rapsfeld ab, und ihre Flügel ragten weit in den blauen Himmel.

„Von hier sieht sie aus, als würde sie auf irgendetwas warten“, sagte Lina. Mats schob die Hände in die Jackentaschen und sah zur Mühle hinüber. „Oder als würde sie etwas bewachen.“

Der Wind strich durch das Rapsfeld und ließ die gelben Blüten in weichen Wellen hin und her schwingen. Je näher sie der Mühle kamen, desto größer wirkte sie. Die dunklen Holzwände, die alten Balken und die mächtigen Flügel erzählten schon von außen davon, dass dieser Ort einmal voller Arbeit, Geräusche und Bewegung gewesen sein musste.

Im kleinen Museum im Inneren blieben die beiden immer wieder stehen. Alte Geräte, Werkzeuge und Maschinen zeigten, wie früher gearbeitet wurde. Mats betrachtete besonders lange eine der alten Maschinen. „Ganz schön viel Technik für etwas, das von außen eigentlich ziemlich einfach aussieht.“

Lina grinste. „Das sagst ausgerechnet du.“ „Was soll das denn heißen?“ „Nichts.“ Sie ging schon weiter. Auf einem Tisch entdeckte sie schließlich ein großes, altes Buch. Der Einband war abgenutzt, die Seiten vergilbt.

„Mats, komm mal.“ Gemeinsam beugten sie sich darüber. Auf den Seiten waren Zeichnungen, Einträge und Notizen zu sehen. Manche waren ordentlich geschrieben, andere wirkten hastig. Dazwischen fanden sich Skizzen der Mühle und kleine technische Zeichnungen.

„Ein Mühlenbuch“, sagte Mats. Lina blätterte vorsichtig weiter. „Stell dir vor, wie viele Leute das schon in der Hand hatten.“

Plötzlich hielt sie inne. Zwischen zwei Seiten steckte ein loses Blatt. Mats zog es vorsichtig hervor. Darauf war eine kleine Windrose gezeichnet. Eine Richtung war stärker markiert als die anderen. Daneben standen nur wenige Worte:

„Folge der Richtung, in der das Wasser zum Himmel steigt.“ Lina las den Satz zweimal. „Wasser steigt doch nicht zum Himmel.“ Mats sah sie an. „Normalerweise nicht.“ „Dann ist es ein Rätsel.“ „Sieht ganz danach aus.“

Unter dem Satz war noch ein kleines Zeichen eingezeichnet: drei Wellenlinien, darüber ein einzelner senkrechter Strich. Lina zeigte darauf. „Das könnte Wasser sein.“

Mats nickte. „Aber was ist der Strich?“ „Vielleicht ein Turm.“ „Oder ein Baum.“ „Oder irgendetwas, das nach oben geht.“ Sie sahen sich an. Dann grinste Lina. „Also doch ein Rätsel.“ Mats betrachtete die Windrose noch einmal. „Vielleicht zeigt sie uns nur die Richtung. Den Rest müssen wir selbst herausfinden.“

Durch das kleine Fenster fiel warmes Licht auf das Mühlenbuch. Draußen rauschte der Wind weiter durch das Rapsfeld. Für einen Moment wirkte es fast so, als wäre die alte Mühle mit ihrem Hinweis zufrieden.

Mats steckte das Blatt sorgfältig in seinen Rucksack. „Und jetzt?“, fragte Lina. „Jetzt gehen wir in die Richtung, die eingezeichnet ist.“

Draußen blieben beide noch einmal vor der Mühle stehen. Die Flügel ragten still über ihnen in den Himmel. Lina zog den Zettel wieder hervor und betrachtete die kleine Zeichnung.

„Wasser, das zum Himmel steigt“, murmelte sie. Mats sah über die Landschaft. Dann runzelte er die Stirn. „Moment mal.“ Lina blickte zu ihm. „Der Springbrunnen am Schloss Mittelhof.“ Für einen Augenblick sagte sie nichts. Dann grinste sie.

„Natürlich.“ Sie sah wieder auf die Windrose. Die markierte Richtung passte. „Dann wissen wir, wohin wir müssen.“ Mats steckte den Zettel wieder vorsichtig in seinen Rucksack. „Zum Schloss.“

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Hinter ihnen stand die alte Bachmann-Windmühle still über dem Feld, als hätte sie ihnen genau das verraten, was sie wissen sollten.

Und während sie Richtung Mittelhof liefen, ahnten beide noch nicht, dass der Springbrunnen mehr für sie bereithielt als nur Wasser.

Kapitel 8 – Die Münze im Springbrunnen

An diesem Nachmittag war es im Park von Schloss Mittelhof ungewöhnlich ruhig. Das Wasser des Springbrunnens rauschte gleichmäßig in das runde Becken, irgendwo summten Insekten zwischen den Blumen, und über den alten Bäumen stand ein fast wolkenloser Himmel.

Mats und Lina hatten ihre Rucksäcke noch auf dem Rücken, obwohl sie eigentlich nur eine kleine Runde durch den Park drehen wollten.

„Wir könnten uns kurz setzen“, sagte Mats und deutete auf eine der weißen Bänke.

Lina hörte kaum hin. Sie stand schon am Rand des Springbrunnens und sah ins Wasser.

„Mats!“ Er kannte diesen Ton inzwischen. „Was ist?“ „Da unten liegt etwas.“ Mats trat neben sie und beugte sich über den Rand. Zwischen ein paar hellen Steinen auf dem Grund blitzte tatsächlich etwas Rundes.

„Eine Münze“, sagte er. Lina grinste. „Sag ich doch.“ „Im Springbrunnen liegen wahrscheinlich ziemlich viele Münzen.“

„Aber die da sieht anders aus.“ Mats kniff die Augen zusammen. Lina hatte recht. Die Münze war größer als die üblichen Centstücke. Außerdem wirkte sie dunkel und stumpf, fast schwarz.

„Die ist bestimmt alt“, sagte Lina. „Oder einfach dreckig.“ „Wir müssen sie rausholen.“ Mats sah sie an. „Wir müssen gar nichts.“

Lina zeigte auf das Wasser. „Doch.“ Fünf Minuten später standen beide vor dem kleinen Geräteschuppen am Rand des Parks.

„Du kannst nicht einfach einen Kescher nehmen“, sagte Mats. „Ich leihe ihn nur aus.“ „Hast du jemanden gefragt?“

Lina hielt inne. „Noch nicht.“ Mats verschränkte die Arme. „Na gut“, sagte sie. „Dann fragen wir.“ >Wenig später kamen sie zurück. Lina trug triumphierend einen langen Kescher vor sich her.

„Jetzt aber.“ Die Münze lag ungefähr einen Meter vom Beckenrand entfernt. Lina streckte den Kescher vorsichtig ins Wasser.

„Weiter links“, sagte Mats. „Das ist links.“ „Dein anderes links.“ „Sehr hilfreich.“ Beim ersten Versuch schob Lina die Münze nur ein Stück über den Boden. Beim zweiten verfehlte sie sie vollständig.

Beim dritten Versuch verschwand die Münze unter dem Netz. „Hab sie!“ Langsam hob Lina den Kescher aus dem Wasser. Die Münze lag zwischen ein paar kleinen Blättern und einem Stückchen Moos.

Mats nahm sie vorsichtig heraus. Sie war schwerer, als er erwartet hatte. „Zeig mal.“

Gemeinsam gingen sie zu einer Bank und legten die Münze auf das Holz. Lina wischte sie vorsichtig mit einem Taschentuch trocken.

Nach und nach kamen feine Linien zum Vorschein. Auf der einen Seite war kein Kopf abgebildet und auch keine Zahl. Stattdessen sah man etwas, das wie ein kleiner Berg aussah. Daneben befand sich ein Zeichen.

Mats drehte die Münze um. Auf der Rückseite waren Buchstaben zu erkennen. „Kannst du das lesen?“, fragte Lina. Mats hielt die Münze näher ans Licht. „G… E…“

Er rieb vorsichtig über die Oberfläche. „Georg…“ Lina beugte sich über seine Schulter. „Georgen…?“

Mats sah sie an. Für einen Moment sagte keiner etwas. Dann mussten beide gleichzeitig grinsen.

„Georgenkapelle?“, fragte Lina. Mats drehte die Münze noch einmal um. Der kleine Berg darauf sah plötzlich gar nicht mehr wie irgendein Berg aus.

„Der Rotstein“, sagte er. Lina sprang von der Bank auf. „Das ist unser nächstes Ziel.“ „Moment.“ „Was denn noch?“ Mats deutete auf die Münze. „Woher kommt die überhaupt? Und warum liegt sie ausgerechnet im Springbrunnen?“

Lina nahm sie ihm aus der Hand und betrachtete sie aufmerksam. „Vielleicht hat sie jemand verloren.“

„Möglich.“ „Oder jemand hat sie absichtlich hineingeworfen.“ „Auch möglich.“ Lina lächelte. „Oder sie sollte gefunden werden.“ Mats schüttelte langsam den Kopf. „Jetzt wird es wieder geheimnisvoll.“

„Ist doch gut.“ Sie gingen zurück zum Springbrunnen. Das Wasser plätscherte weiter, als wäre nichts geschehen.

Lina hielt die Münze noch einmal hoch. In der Nachmittagssonne glänzte plötzlich etwas am Rand.

„Da ist noch was.“ Mats sah genauer hin. Neben dem Bild des Berges waren winzige Kerben eingeritzt. Drei kurze Striche und darunter ein kleines Kreuz.

„Das war vorher nicht zu sehen“, sagte Lina. Mats nahm die Münze wieder. „Vielleicht gehört das zum Bild.“ „Oder es ist ein Hinweis.“ Mats sah vom Zeichen zum Springbrunnen, dann hinüber zu den Bäumen des Parks.

„Wir sollten erst einmal herausfinden, was das überhaupt für eine Münze ist.“ Lina nickte.

Dann grinste sie. „Und danach gehen wir auf den Rotstein.“ Mats musste lachen. „Das dachte ich mir.“

Sie brachten den Kescher zurück und verstauten die Münze sorgfältig in einer kleinen Seitentasche von Mats’ Rucksack.

Als sie den Park verließen, drehte Lina sich noch einmal um. Der Springbrunnen lag ruhig in der Nachmittagssonne. Das Wasser stieg in die Höhe und fiel glitzernd zurück in das Becken.

Vor einer halben Stunde war es nur ein schöner Platz im Schlosspark gewesen.

Jetzt hatte alles begonnen. Und irgendwo oben auf dem Rotstein wartete vielleicht schon die nächste Spur.

Kapitel 10 - Georgenkapelle

Kapitel 11 - Aussichtsturm

Kapitel 12 - Der Punkt, von dem aus die Landschaft vermessen wurde

Vom Aussichtsturm aus gingen Mats und Lina nur ein kurzes Stück weiter durch den Wald. Zwischen den Bäumen stand schließlich ein alter Steinpfeiler.

„Da ist er“, sagte Mats.

Lina trat näher und betrachtete die Inschrift. „Triangulationsstation“, las sie langsam. „Das Wort klingt komplizierter als der Stein aussieht.“

Mats grinste. „Eigentlich geht es nur um Dreiecke.“

„Natürlich.“

Er stellte seinen Rucksack ab und ging einmal um den Pfeiler herum. „Früher hat man solche Punkte benutzt, um die Landschaft genau zu vermessen. Von einem bekannten Punkt aus hat man Winkel zu anderen Punkten gemessen. Mit mehreren solcher Punkte konnte man Entfernungen berechnen.“

Lina sah durch die Bäume hinaus. „Ohne GPS?“

„Ohne GPS.“

„Und ohne Satelliten?“

„Auch ohne Satelliten.“

Lina hob die Augenbrauen. „Nicht schlecht.“

Mats nickte. „Solche Punkte waren früher richtig wichtig. Von hier oben konnte man weit sehen.“

Lina legte eine Hand auf den alten Stein. „Dann war das hier so etwas wie ein fester Punkt auf einer riesigen Karte.“

Mats sah sie überrascht an. „Ja. Genau so.“

Lina grinste. „Das klang jetzt ziemlich schlau.“

„Diesmal war es sogar deine Idee.“

Dann zog Mats den kleinen Hinweis hervor, den sie vom Aussichtsturm mitgebracht hatten. Darauf waren drei Punkte zu sehen, die mit geraden Linien verbunden waren.

„Jetzt ergibt das Sinn“, sagte er. „Das Dreieck gehört zur Vermessung.“

Lina betrachtete die Zeichnung genauer. „Aber hier ist noch etwas.“

Neben dem Dreieck verlief eine zweite Linie. Sie war nicht gerade, sondern leicht gebogen und unregelmäßig. Darunter stand:

„Nicht jede Linie auf dem Berg wurde zum Messen gezogen.“

Lina runzelte die Stirn. „Was soll das denn heißen?“

Mats sah auf die Zeichnung. „Vielleicht ist es ein Weg.“ „Aber ein Weg wäre doch auf einer Karte anders eingezeichnet.“

„Stimmt.“ „Vielleicht eine Grenze?“ Mats schüttelte langsam den Kopf. „Oder etwas, das Menschen gebaut haben.“

Für einen Moment sagten beide nichts. Dann blieb Linas Blick an einer flachen Erhebung im Gelände hängen.

„Mats.“

„Hm?“ „Du hast doch mal gesagt, dass es hier oben noch etwas sehr Altes gibt.“

Mats dachte nach. Dann sah er sie an. „Den Slawenwall.“ Lina blickte wieder auf die gebogene Linie. „Dann ist das gar kein Weg.“

„Sondern ein Wall.“ Sie sahen sich an. „Der Slawenwall“, sagte Lina. Mats steckte den Hinweis wieder vorsichtig in seinen Rucksack. „Dann wissen wir, wo es weitergeht.“

Lina stellte sich noch einmal neben den alten Vermessungspunkt und sah über den Wald. „Schon verrückt“, sagte sie. „Hier wurde die Landschaft mit Linien und Dreiecken vermessen. Und nur ein Stück weiter gibt es eine Linie im Boden, die viel älter ist.“

Mats nickte. „Und die schauen wir uns jetzt an.“

Sie machten sich auf den Weg. Hinter ihnen blieb die alte Triangulationsstation zurück – ein Punkt, von dem aus Menschen einst versuchten, die Landschaft ganz genau zu bestimmen. Vor ihnen wartete eine andere Spur.

Keine Linie auf einer Karte, sondern eine im Boden. Der alte Slawenwall.

Kapitel 13 - Slawenwall

Kapitel 14 - Via Sacra

Kapitel 15 - Die Nacht an der Kirche

Es war schon dunkel, als Lina und Mats den schmalen Weg zur Kirche hinaufgingen. Das alte Pflaster glänzte feucht im Licht der Laternen, und trockene Blätter raschelten über den Weg. Über den Dächern hing ein heller Mond, der immer wieder hinter dunklen Wolken verschwand. Lina trug ihren Hexenhut und hielt einen leuchtenden Kürbis in der Hand. Mats hatte seine Taschenlampe dabei und leuchtete damit vorsichtig über den Weg.

„Du bist sicher, dass das eine gute Idee ist?“, fragte er. Lina grinste. „Natürlich. Es ist Halloween. Wann sollen wir denn sonst hier hochgehen?“ Mats antwortete nicht sofort. Irgendwo hinter der Mauer knackte ein Ast, und für einen Moment blieben beide stehen.

Zwischen den Bäumen erschien der Kirchturm. Im warmen Licht wirkte er höher als am Tag, fast so, als würde er direkt in den Nachthimmel hineinragen. Da huschte plötzlich etwas Schwarzes über die Mauer. Mats zuckte zusammen und richtete sofort seine Taschenlampe darauf. Zwei gelbe Augen leuchteten zurück.

Eine schwarze Katze saß auf der Mauer und beobachtete die beiden. „Du hast dich vor einer Katze erschrocken“, sagte Lina und versuchte, ernst zu bleiben. „Ich habe mich nicht erschrocken“, antwortete Mats. „Ich war nur vorbereitet.“

Die Katze sprang von der Mauer und verschwand zwischen den Büschen. Lina wollte gerade weitergehen, als beide ein leises Geräusch hörten. Es war kein Rascheln und auch kein Knacken. Es klang eher wie ein tiefer Ton, der für einen Moment in der Luft stehen blieb und dann wieder verschwand.

Mats sah zur Kirche. „Das kam von dort.“ Lina hörte aufmerksam hin. Einige Sekunden lang war nur der Wind zu hören. Dann erklang der Ton erneut, diesmal deutlicher. Tief und langgezogen. „Vielleicht die Orgel“, sagte Lina. Mats sah sie an. „Um diese Zeit?“

Sie standen einen Moment schweigend da. Eigentlich hätte das reichen können, um wieder umzudrehen. Doch nun war ihre Neugier geweckt. Langsam gingen sie weiter auf das Tor zu. Über ihnen flogen Fledermäuse durch das Mondlicht, und der Wind trieb Blätter über das Pflaster.

Als Mats mit der Taschenlampe durch das Tor leuchtete, bemerkte er etwas Helles auf dem Boden. Zwischen den Blättern lag ein Stück Papier. Lina hob es vorsichtig auf und strich es glatt.

Darauf waren Linien und kleine schwarze Zeichen zu erkennen. „Noten“, sagte Mats. Lina drehte das Blatt um. Auf der Rückseite stand nur ein einziger Satz:

Wo die Pfeifen sprechen, wartet der nächste Hinweis.

Beide sahen gleichzeitig zur Kirche. „Mit Pfeifen ist doch nicht etwa …“, begann Mats. „Die Orgel“, sagte Lina sofort.

In diesem Moment ertönte wieder der tiefe Klang aus Richtung der Kirche. Die schwarze Katze saß plötzlich wieder auf der Mauer, als wäre sie nie fort gewesen. Hoch oben am Turm schlug die Uhr, und für einige Sekunden wirkte es, als wäre der ganze Platz still geworden.

Lina faltete das Notenblatt vorsichtig zusammen und steckte es ein. „Morgen kommen wir wieder.“

Mats nickte. „Aber bei Tageslicht.“ Lina grinste nur. Dann machten sie sich auf den Rückweg. Hinter ihnen lag die Kirche wieder ruhig zwischen den dunklen Bäumen. Kurz bevor sie um die letzte Kurve verschwanden, glaubten beide noch einmal einen tiefen Ton zu hören.

Vielleicht war es die Orgel. Vielleicht war es nur der Wind.

Das gefundene Notenblatt führt Lina und Mats zur Orgel der Kirche von Sohland am Rotstein. Dort beginnt das nächste Kapitel ihrer Entdeckungsreise.

Kapitel 16 - Kirche / Die Orgel und das Notenblatt



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